Rot, röter, am rötesten.

Die Infektionszahlen steigen und steigen, München ist inzwischen, wie von Herrn Söder eingeführt, „dunkelrot“. Oder „wutrot“, wie meine Freundin so schön sagte. Wutrot bin ich inzwischen auch, nachdem wir von der Schule der Jungs durch ein Protokoll des Elternbeirats erfahren haben, dass quasi kein Konzept für den Distanzunterricht besteht. Man kann den Lehrer*innen nicht zumuten, dass sie alle gleich agil in der digitalen Welt unterwegs seien, deshalb gäbe es keine einheitliche Handhabung – aber ein wöchentlicher Rücklauf der Arbeitsblätter soll absolut gefördert werden. Ach so. Na dann.

Videokonferenzen sind leider auch nicht möglich, weil Zoom oder Skype datenschutzrechtlich bedenklich sind (dass MS Teams Education oder WebEx Optionen wären, wurde wohl übersehen…). Jitsi würde zwar prinzipiell gehen, ist aber auf den EDV-Servern der Schule nicht lauffähig. Also dürften die Lehrer*innen davon zwar auf ihren privaten Geräten Gebrauch machen, diese sind allerdings leider, leider auf dem Schulgelände nicht zugelassen.

Lernplattform? Wie jetzt? Braucht es das in der Grundschule? Och nö, die Arbeitsblätter fühlen sich haptisch, vom heimischen Drucker ausgespuckt, doch viel schöner an. Gleicht dann sicherlich auch die fehlenden sozialen Kontakte ein bisschen aus, wenn man nicht nur mit den Eltern kuscheln, sondern auch noch Papierarbeitsblätter befühlen darf. Ist doch ein klares win-win auf allen Seiten, Mensch.

Wow. Da liegen wir ja mal wieder meilenweit vorne mit unserem Draufgängertum und der Fortschrittlichkeit. Diese Visionen… hui. Mir stockt fast der Atem.

Ich werde also weiterhin verzweifelte, frustrierte, böse E-Mails an alle möglichen Ämter und Ministerien schreiben und hoffen, dass es außer mir noch sehr, sehr viele gibt, die das ebenfalls tun. Bei meiner täglichen Recherche bin ich über die Seite Familien in der Krise gestolpert und fühle mich dort ziemlich verstanden. Es gibt Beiträge, Petitionen und Aufrufe, seht sie euch einmal an, vielleicht ist auch etwas für euch dabei.

Ansonsten kann ich euch das Buch Das Neue Land von Verena Pausder sehr empfehlen. Es treibt einem fast Tränen in die Augen, wenn man liest, wie einfach es sein könnte, „Change“ zu bewirken. Keine gigantischen Sprünge, bei denen keiner mehr mitkommt, nein, kleine Weichenstellungen auf dem Weg in die Zukunft würden ja erst einmal schon genügen. Stattdessen beweihräuchern sich die Dinosaurier „da oben“ selbst, wie gut sie doch alles im Griff haben und die Zahlen, na, die kann man hinterher ja noch korrigieren, wenn sich herausstellt, dass die Konjunktur doch nicht so wieder anläuft, wie gedacht. Oder dass die OECD jetzt schon die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, was die Zukunftsprognose für unsere kleinen Musterschüler*innen angeht. Kollateralschaden halt. Der zwar zu verhindern gewesen wäre, aber dann hätte man sich damit ja befassen, mal zuhören müssen. Mal Eltern fragen müssen, statt Politiker wie den brandenburgischen Wirtschaftsminister Jörg Steinbach, der vermutlich noch keine zwei Tage mit seinen Kindern alleine im Haus war und dessen Gattin, da bin ich mir ziemlich sicher, ihm den Rücken freigehalten hat, oder der SPD-Fraktionschefin Anne Hübner, die der Meinung ist, dass „Kinder das aushalten“ – na klar halten sie es aus, was bleibt ihnen denn auch anderes? Sie werden ja nicht gefragt. Die täglichen Wut- und Verzweiflungsausbrüche im häuslichen Gefängnis können ja nicht live in die Welt übertragen werden wie der andere Nachrichtenmist, mit dem wir dauer-konfrontiert sind.

Meine Jungs sind jedenfalls durch mit diesem Jahr. Beinahe jede Woche trifft sie eine neue Hiobsbotschaft: Spielen mit Freunden – abgesagt; Fußballtraining – abgesagt; Geburtstagsparties – abgesagt; das Haus verlassen – verboten; der Lieblingsitaliener – pleite; die Beerdigung der Oma, die sie natürlich vor ihrem Tod auch nicht mehr sehen konnten – ohne sie, weil Quarantäne; den Opa besuchen – geht nicht, Reisewarnung; Schulausflüge – abgesagt; Urlaubspläne – abgesagt; Kinobesuche – abgesagt; derzeit warten wir gemeinsam nur darauf, dass ihr Krav-Maga-Unterricht ebenfalls den neuen Regelungen zum Opfer fällt, Halloween haben wir schon gecancelt. Und das bedrohlichste aller Szenarien, der schulische Lockdown, schwebt natürlich über all dem.

Wir versuchen nun also, sie so gut wie möglich auf unsere eigene Weise fit für die Zukunft zu machen, sprechen viel mit ihnen über alles, was gerade so passiert, erklären ihnen unsere Ängste und Sorgen (Pur+ in der ZDF-Mediathek hat dazu auch wirklich tolle Themensendungen), lesen zusammen Bücher (gerade „Die geheime Drachenschule“ (4 Teile) von Emily Skye, ist auch für uns Eltern spannend. Davor waren es Bände von „Die Legende von Drachenhöhe„, toll und witzig geschrieben – das Zitat von Fluppe begleitet uns seit vielen Monaten: „Ich bin fön, luftig und nett„[er hat einen Sprachfehler] und „Monsternanny“ von Tuutikki Tolonen, hochspannend. Eigenständig lesen sie „Captain Underpants“ – der Humor erschließt sich mir so gar nicht, aber sie finden es gut, und „Mein dicker fetter Zombie-Goldfisch“ von Mo O’Hara, das finde ich auch witzig), schauen Dokus (auf Disney+ gibt es viele schöne Naturdokus, auf Netflix ebenfalls: „Die Erde bei Nacht“ ist spannend, neu auch: „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten„. Wobei ich gestehen muss, dass wir auch schon „Ancient Aliens – Unerklärliche Phänomene“ geschaut haben, ich bin peinlicherweise noch aus Jugendzeiten ein eingefleischter Däniken-Fan und verliere mit diesem Geständnis hier wahrscheinlich jegliche credibility. Aber das gemeinsame Sehen der Serie macht einen Heidenspaß, der Gatte und das eine Kind halten sich stöhnend und kopfschüttelnd die Ohren zu, während das andere Kind und ich mitfiebernd davor sitzen und „Na klaaaar haben die Aliens die Pyramiden erbaut, jetzt macht das endlich Siiiinn!“ schreien. „Der Boden ist Lava“ und „Das Gelbe vom Ei“ gehen auch meistens, Quatsch-Spielshows, die Jungs freuen sich immer tierisch, wenn etwas schiefgeht).

Und ich habe sie zu einem Onlinekurs der Haba Digitalwerkstätten angemeldet – dazu kann ich zwar noch nichts sagen, aber die Angebote (deutschlandweit, virtuell und in Präsenz) dort sind toll, großartige Themen, viel Auswahl. Ich kann gerne danach berichten, wie es war.

Jetzt muss ich zurück in die Küche, mein Banana Bread aus dem Ofen holen. Das riecht doch schon irgendwie nach Lockdown. Hmpf.

Wein. Mehr Wein.

Leute, Homeoffice ist doch Mist. Habe mich eben ausgeloggt, den Stift fallen lassen, mir den schmerzenden Rücken gehalten (okay, nein, das war beschönigt: ich habe geächzt und bin gebückt in die Küche gekrochen), um dann die sechs Meter weiter mit einem Glas Wein und dem iPad auf die Couch zu sinken. Es ist 17:18 Uhr.

Aber wie sagte das Kind am Wochenende so schön? „Mama, du hast deine besten Zeiten doch schon hinter dir.“ Ach so. Das wird‘s dann wohl sein.

Der nächste Lockdown droht, aber der kurzarbeitende Gatte will sich partout nicht zum temporären Ausziehen überreden lassen – obwohl ich sogar schon versucht habe, die Kinder zu instrumentalisieren, weil sie letzte Woche ihren ersten Abend (na ja, nach Hortende bis halb 8) erfolgreich alleine verbracht haben und das so gut fanden, dass sie enttäuscht waren, als ich eröffnet habe, dass ich die nächsten Tage im Homeoffice und nicht mehr so lange im Büro bin. Jedenfalls will er ihnen und mir die Ruhe nicht gönnen und belästigt (wenn man die Kinder fragt) uns weiterhin mit Matheaufgaben und den immer wiederkehrenden Fragen „Wo ist denn…“ und „Was essen wir denn?“. Und ganz aktuell: „Oh, trinkst du schon?“. Pffff. Na gut, er belästigt auch mich. Jetzt isses raus, schwarz auf weiß.

Ob ich den Blog wohl bald in „Scheidung nicht ausgeschlossen“ umbenennen muss? Neiiiiin. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich.

Hast du mir gerade die Zunge rausgestreckt, Noch-Ehemann?!

Der Botanische Garten ist im Herbst jedenfalls echt eine Wucht. Und der Eintritt gerade übrigens kostenlos, die Gewächshauser haben allerdings geschlossen.

Freiheit!

Wir haben es hinter uns gebracht. Oder besser gesagt, das Kind hat es hinter sich gebracht. Ich glaube, möglicherweise ohne größere Traumata, aber wer weiß, was er seine*r/m Therapeut*in/en (wie setzt man denn da die Sternchen eigentlich richtig? Hm.) in zwanzig Jahren erzählen wird. „Damals, als ich zweeiiii Wochen lang das Haus nicht verlassen durfte…“, während er in Tränen ausbricht.

Sichtbare Bilanz soweit: zwei zerbrochene Vasen (beim Fangenspielen im Wohnzimmer ausgerutscht), eine fast zerbrochene Gin-Flasche (beim Hulahoop im Wohnzimmer abgeschossen), Fußabdrücke an der Wand (kann es sein, dass Socken abfärben oder hatte er nur so dreckige Füße?), diverse nicht mehr auffindbare Teller und Gläser, es will sich aber niemand schuldig bekennen, obwohl ich davon ausgehe, dass ihre zerbrochenen Einzelteile beseitigt wurden (beim ununterbrochenen Snacken überall im Hauswir sind ja sooo 2020, Quarantäne UND Snackification. Wow. Googelt mal Snackification. Unglaublich hip.), irre hohe Lebenshaltungskosten (siehe Snacks. Plus natürlich die Spielekonsole.), die interessante Einsicht, dass auch ein Kind in Quarantäne täglich einen Berg Dreckwäsche produziert und ein komplett ungeputztes Haus. Weil ja die Putzfrau nicht mehr kommen durfte. Und ich dem Dreck und den Staubflusen nicht mehr Herr werde. Grmpf.

Jedenfalls sind wir direkt am ersten Tag in Freiheit ins Legoland gefahren. Und weil es quasi noch ihr Geburtstag war (so jedenfalls ihre Ansicht), musste ich auf Anweisung auch mit Achterbahn fahren. In der ersten dachte ich, ich muss mich übergeben und habe so geschrien, dass ich mir selbst den Mund zuhalten musste, in der zweiten (auch noch mit Wildwasser und rückwärts) habe ich mich so weit eingekugelt, dass ich mir den Kopf angeschlagen habe und in der dritten sind mir, glaube ich, sieben Bandscheiben verrutscht. Und ich habe möglicherweise die Hand des Kindes (in meiner) gequetscht. Am Tag danach hatte ich im ganzen Körper Muskelkater.

Mama, an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal für den Zwischenfall vor etwa 25 Jahren entschuldigen, als ich dich auf dem Oktoberfest in TopSpin genötigt habe. Jetzt kann ich dich verstehen. Und werde um jeden Preis vermeiden, mich in meinem Alter in ein solches Fahrgeschäft zu setzen.

Und der Schwiegervater ist für ein paar Tage bei uns eingezogen, was für gewöhnlich bedeutet, dass ich meines Hausherrinnenrechts enthoben werde, die Küche vollständig abtreten muss und viel Zeit im Keller beim Wäschesortieren verbringe. Freiwillig. Trifft sich gerade ja ganz gut. Aber prinzipiell ist er momentan gut ertragbar.

Der Gatte hatte den ihm zum Geburtstag von seinen Eltern feierlich überreichten Kaffeevollautomaten auf meinen entsetzen Blick hin schon vor Monaten im Keller deponiert, sah sich jetzt aber genötigt, ihn wieder nach oben zu befördern, um den Schein zu wahren. „Jaaa, super Kaffee, ganz irre gut. Ja klar, trinke täglich acht Tassen. Mhm. Lecker.“. Feigling. Pah.

Jedenfalls stand das Ungetüm nun in der Küche und plötzlich ging am späten Abend das Mahlwerk von alleine los. Klingt ungefähr wie ein Düsenjäger im Haus. Wir sind alle zu Tode erschrocken, der Gatte lief in die – offene – Küche und hantierte daran herum, die Kinder neugierig hinterher. Und dann kam es. Der Moment, in dem man seine Kinder verflucht. „Papa, ist die neuheu?“ Die Schultern des Gatten versteiften sich. „Paaaapaaa, ist die Kaffeemaschine neuheuu?“ Verzweifelter Blick zum Kind, stille Halt-doch-die Klappe-Botschaft. Fruchtloser Versuch. „Papa, warum sagst du nichts? Die Kaffeemaschine, die ist doch neu, oder? Die habe ich jedenfalls noch nie gesehen.“

Der Opa und ich lagen jedenfalls vor Lachen am Boden.

Er hat den Frevel gut weggesteckt. Aber unsere alte, kleine, leise Pad-Maschine scheint nun verschwunden. Merkwürdig.