Rot, röter, am rötesten.

Die Infektionszahlen steigen und steigen, München ist inzwischen, wie von Herrn Söder eingeführt, „dunkelrot“. Oder „wutrot“, wie meine Freundin so schön sagte. Wutrot bin ich inzwischen auch, nachdem wir von der Schule der Jungs durch ein Protokoll des Elternbeirats erfahren haben, dass quasi kein Konzept für den Distanzunterricht besteht. Man kann den Lehrer*innen nicht zumuten, dass sie alle gleich agil in der digitalen Welt unterwegs seien, deshalb gäbe es keine einheitliche Handhabung – aber ein wöchentlicher Rücklauf der Arbeitsblätter soll absolut gefördert werden. Ach so. Na dann.

Videokonferenzen sind leider auch nicht möglich, weil Zoom oder Skype datenschutzrechtlich bedenklich sind (dass MS Teams Education oder WebEx Optionen wären, wurde wohl übersehen…). Jitsi würde zwar prinzipiell gehen, ist aber auf den EDV-Servern der Schule nicht lauffähig. Also dürften die Lehrer*innen davon zwar auf ihren privaten Geräten Gebrauch machen, diese sind allerdings leider, leider auf dem Schulgelände nicht zugelassen.

Lernplattform? Wie jetzt? Braucht es das in der Grundschule? Och nö, die Arbeitsblätter fühlen sich haptisch, vom heimischen Drucker ausgespuckt, doch viel schöner an. Gleicht dann sicherlich auch die fehlenden sozialen Kontakte ein bisschen aus, wenn man nicht nur mit den Eltern kuscheln, sondern auch noch Papierarbeitsblätter befühlen darf. Ist doch ein klares win-win auf allen Seiten, Mensch.

Wow. Da liegen wir ja mal wieder meilenweit vorne mit unserem Draufgängertum und der Fortschrittlichkeit. Diese Visionen… hui. Mir stockt fast der Atem.

Ich werde also weiterhin verzweifelte, frustrierte, böse E-Mails an alle möglichen Ämter und Ministerien schreiben und hoffen, dass es außer mir noch sehr, sehr viele gibt, die das ebenfalls tun. Bei meiner täglichen Recherche bin ich über die Seite Familien in der Krise gestolpert und fühle mich dort ziemlich verstanden. Es gibt Beiträge, Petitionen und Aufrufe, seht sie euch einmal an, vielleicht ist auch etwas für euch dabei.

Ansonsten kann ich euch das Buch Das Neue Land von Verena Pausder sehr empfehlen. Es treibt einem fast Tränen in die Augen, wenn man liest, wie einfach es sein könnte, „Change“ zu bewirken. Keine gigantischen Sprünge, bei denen keiner mehr mitkommt, nein, kleine Weichenstellungen auf dem Weg in die Zukunft würden ja erst einmal schon genügen. Stattdessen beweihräuchern sich die Dinosaurier „da oben“ selbst, wie gut sie doch alles im Griff haben und die Zahlen, na, die kann man hinterher ja noch korrigieren, wenn sich herausstellt, dass die Konjunktur doch nicht so wieder anläuft, wie gedacht. Oder dass die OECD jetzt schon die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, was die Zukunftsprognose für unsere kleinen Musterschüler*innen angeht. Kollateralschaden halt. Der zwar zu verhindern gewesen wäre, aber dann hätte man sich damit ja befassen, mal zuhören müssen. Mal Eltern fragen müssen, statt Politiker wie den brandenburgischen Wirtschaftsminister Jörg Steinbach, der vermutlich noch keine zwei Tage mit seinen Kindern alleine im Haus war und dessen Gattin, da bin ich mir ziemlich sicher, ihm den Rücken freigehalten hat, oder der SPD-Fraktionschefin Anne Hübner, die der Meinung ist, dass „Kinder das aushalten“ – na klar halten sie es aus, was bleibt ihnen denn auch anderes? Sie werden ja nicht gefragt. Die täglichen Wut- und Verzweiflungsausbrüche im häuslichen Gefängnis können ja nicht live in die Welt übertragen werden wie der andere Nachrichtenmist, mit dem wir dauer-konfrontiert sind.

Meine Jungs sind jedenfalls durch mit diesem Jahr. Beinahe jede Woche trifft sie eine neue Hiobsbotschaft: Spielen mit Freunden – abgesagt; Fußballtraining – abgesagt; Geburtstagsparties – abgesagt; das Haus verlassen – verboten; der Lieblingsitaliener – pleite; die Beerdigung der Oma, die sie natürlich vor ihrem Tod auch nicht mehr sehen konnten – ohne sie, weil Quarantäne; den Opa besuchen – geht nicht, Reisewarnung; Schulausflüge – abgesagt; Urlaubspläne – abgesagt; Kinobesuche – abgesagt; derzeit warten wir gemeinsam nur darauf, dass ihr Krav-Maga-Unterricht ebenfalls den neuen Regelungen zum Opfer fällt, Halloween haben wir schon gecancelt. Und das bedrohlichste aller Szenarien, der schulische Lockdown, schwebt natürlich über all dem.

Wir versuchen nun also, sie so gut wie möglich auf unsere eigene Weise fit für die Zukunft zu machen, sprechen viel mit ihnen über alles, was gerade so passiert, erklären ihnen unsere Ängste und Sorgen (Pur+ in der ZDF-Mediathek hat dazu auch wirklich tolle Themensendungen), lesen zusammen Bücher (gerade „Die geheime Drachenschule“ (4 Teile) von Emily Skye, ist auch für uns Eltern spannend. Davor waren es Bände von „Die Legende von Drachenhöhe„, toll und witzig geschrieben – das Zitat von Fluppe begleitet uns seit vielen Monaten: „Ich bin fön, luftig und nett„[er hat einen Sprachfehler] und „Monsternanny“ von Tuutikki Tolonen, hochspannend. Eigenständig lesen sie „Captain Underpants“ – der Humor erschließt sich mir so gar nicht, aber sie finden es gut, und „Mein dicker fetter Zombie-Goldfisch“ von Mo O’Hara, das finde ich auch witzig), schauen Dokus (auf Disney+ gibt es viele schöne Naturdokus, auf Netflix ebenfalls: „Die Erde bei Nacht“ ist spannend, neu auch: „David Attenborough: Mein Leben auf unserem Planeten„. Wobei ich gestehen muss, dass wir auch schon „Ancient Aliens – Unerklärliche Phänomene“ geschaut haben, ich bin peinlicherweise noch aus Jugendzeiten ein eingefleischter Däniken-Fan und verliere mit diesem Geständnis hier wahrscheinlich jegliche credibility. Aber das gemeinsame Sehen der Serie macht einen Heidenspaß, der Gatte und das eine Kind halten sich stöhnend und kopfschüttelnd die Ohren zu, während das andere Kind und ich mitfiebernd davor sitzen und „Na klaaaar haben die Aliens die Pyramiden erbaut, jetzt macht das endlich Siiiinn!“ schreien. „Der Boden ist Lava“ und „Das Gelbe vom Ei“ gehen auch meistens, Quatsch-Spielshows, die Jungs freuen sich immer tierisch, wenn etwas schiefgeht).

Und ich habe sie zu einem Onlinekurs der Haba Digitalwerkstätten angemeldet – dazu kann ich zwar noch nichts sagen, aber die Angebote (deutschlandweit, virtuell und in Präsenz) dort sind toll, großartige Themen, viel Auswahl. Ich kann gerne danach berichten, wie es war.

Jetzt muss ich zurück in die Küche, mein Banana Bread aus dem Ofen holen. Das riecht doch schon irgendwie nach Lockdown. Hmpf.

Wein. Mehr Wein.

Leute, Homeoffice ist doch Mist. Habe mich eben ausgeloggt, den Stift fallen lassen, mir den schmerzenden Rücken gehalten (okay, nein, das war beschönigt: ich habe geächzt und bin gebückt in die Küche gekrochen), um dann die sechs Meter weiter mit einem Glas Wein und dem iPad auf die Couch zu sinken. Es ist 17:18 Uhr.

Aber wie sagte das Kind am Wochenende so schön? „Mama, du hast deine besten Zeiten doch schon hinter dir.“ Ach so. Das wird‘s dann wohl sein.

Der nächste Lockdown droht, aber der kurzarbeitende Gatte will sich partout nicht zum temporären Ausziehen überreden lassen – obwohl ich sogar schon versucht habe, die Kinder zu instrumentalisieren, weil sie letzte Woche ihren ersten Abend (na ja, nach Hortende bis halb 8) erfolgreich alleine verbracht haben und das so gut fanden, dass sie enttäuscht waren, als ich eröffnet habe, dass ich die nächsten Tage im Homeoffice und nicht mehr so lange im Büro bin. Jedenfalls will er ihnen und mir die Ruhe nicht gönnen und belästigt (wenn man die Kinder fragt) uns weiterhin mit Matheaufgaben und den immer wiederkehrenden Fragen „Wo ist denn…“ und „Was essen wir denn?“. Und ganz aktuell: „Oh, trinkst du schon?“. Pffff. Na gut, er belästigt auch mich. Jetzt isses raus, schwarz auf weiß.

Ob ich den Blog wohl bald in „Scheidung nicht ausgeschlossen“ umbenennen muss? Neiiiiin. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich.

Hast du mir gerade die Zunge rausgestreckt, Noch-Ehemann?!

Der Botanische Garten ist im Herbst jedenfalls echt eine Wucht. Und der Eintritt gerade übrigens kostenlos, die Gewächshauser haben allerdings geschlossen.

Freiheit!

Wir haben es hinter uns gebracht. Oder besser gesagt, das Kind hat es hinter sich gebracht. Ich glaube, möglicherweise ohne größere Traumata, aber wer weiß, was er seine*r/m Therapeut*in/en (wie setzt man denn da die Sternchen eigentlich richtig? Hm.) in zwanzig Jahren erzählen wird. „Damals, als ich zweeiiii Wochen lang das Haus nicht verlassen durfte…“, während er in Tränen ausbricht.

Sichtbare Bilanz soweit: zwei zerbrochene Vasen (beim Fangenspielen im Wohnzimmer ausgerutscht), eine fast zerbrochene Gin-Flasche (beim Hulahoop im Wohnzimmer abgeschossen), Fußabdrücke an der Wand (kann es sein, dass Socken abfärben oder hatte er nur so dreckige Füße?), diverse nicht mehr auffindbare Teller und Gläser, es will sich aber niemand schuldig bekennen, obwohl ich davon ausgehe, dass ihre zerbrochenen Einzelteile beseitigt wurden (beim ununterbrochenen Snacken überall im Hauswir sind ja sooo 2020, Quarantäne UND Snackification. Wow. Googelt mal Snackification. Unglaublich hip.), irre hohe Lebenshaltungskosten (siehe Snacks. Plus natürlich die Spielekonsole.), die interessante Einsicht, dass auch ein Kind in Quarantäne täglich einen Berg Dreckwäsche produziert und ein komplett ungeputztes Haus. Weil ja die Putzfrau nicht mehr kommen durfte. Und ich dem Dreck und den Staubflusen nicht mehr Herr werde. Grmpf.

Jedenfalls sind wir direkt am ersten Tag in Freiheit ins Legoland gefahren. Und weil es quasi noch ihr Geburtstag war (so jedenfalls ihre Ansicht), musste ich auf Anweisung auch mit Achterbahn fahren. In der ersten dachte ich, ich muss mich übergeben und habe so geschrien, dass ich mir selbst den Mund zuhalten musste, in der zweiten (auch noch mit Wildwasser und rückwärts) habe ich mich so weit eingekugelt, dass ich mir den Kopf angeschlagen habe und in der dritten sind mir, glaube ich, sieben Bandscheiben verrutscht. Und ich habe möglicherweise die Hand des Kindes (in meiner) gequetscht. Am Tag danach hatte ich im ganzen Körper Muskelkater.

Mama, an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal für den Zwischenfall vor etwa 25 Jahren entschuldigen, als ich dich auf dem Oktoberfest in TopSpin genötigt habe. Jetzt kann ich dich verstehen. Und werde um jeden Preis vermeiden, mich in meinem Alter in ein solches Fahrgeschäft zu setzen.

Und der Schwiegervater ist für ein paar Tage bei uns eingezogen, was für gewöhnlich bedeutet, dass ich meines Hausherrinnenrechts enthoben werde, die Küche vollständig abtreten muss und viel Zeit im Keller beim Wäschesortieren verbringe. Freiwillig. Trifft sich gerade ja ganz gut. Aber prinzipiell ist er momentan gut ertragbar.

Der Gatte hatte den ihm zum Geburtstag von seinen Eltern feierlich überreichten Kaffeevollautomaten auf meinen entsetzen Blick hin schon vor Monaten im Keller deponiert, sah sich jetzt aber genötigt, ihn wieder nach oben zu befördern, um den Schein zu wahren. „Jaaa, super Kaffee, ganz irre gut. Ja klar, trinke täglich acht Tassen. Mhm. Lecker.“. Feigling. Pah.

Jedenfalls stand das Ungetüm nun in der Küche und plötzlich ging am späten Abend das Mahlwerk von alleine los. Klingt ungefähr wie ein Düsenjäger im Haus. Wir sind alle zu Tode erschrocken, der Gatte lief in die – offene – Küche und hantierte daran herum, die Kinder neugierig hinterher. Und dann kam es. Der Moment, in dem man seine Kinder verflucht. „Papa, ist die neuheu?“ Die Schultern des Gatten versteiften sich. „Paaaapaaa, ist die Kaffeemaschine neuheuu?“ Verzweifelter Blick zum Kind, stille Halt-doch-die Klappe-Botschaft. Fruchtloser Versuch. „Papa, warum sagst du nichts? Die Kaffeemaschine, die ist doch neu, oder? Die habe ich jedenfalls noch nie gesehen.“

Der Opa und ich lagen jedenfalls vor Lachen am Boden.

Er hat den Frevel gut weggesteckt. Aber unsere alte, kleine, leise Pad-Maschine scheint nun verschwunden. Merkwürdig.

Ich bin raus.

Zumindest aus der Isolation. Im Gegensatz zu dem nun zweifach negativ getesteten Kind. Das muss auch noch den quälenden Rest absitzen.

Der Kindergeburtstag verlief gar nicht mal so übel (wenn auch tatsächlich ohne Hüpfburg, weil der doofe Wetterbericht völlig daneben lag); wenn man den Kindern glauben darf, sogar ziemlich prima. Allerdings kam vorm Einschlafen dann noch die Frage „Mama, wann holen wir denn den Geburtstag nach?“

Hm. Vielleicht war er doch nur unter dem Gesichtspunkt prima, dass da noch ein weiteres rauschendes Fest folgen wird?

Es gab eine Piñata, eine Pokemon-Torte, Geschenke und Bargeld, wodurch das Video an Familie und Verwandtschaft gleich mal gesprengt wurde, weil das Kind mit „Ach du meine Scheiße!“ seine Begeisterung kundtat und ich umgehend das Filmen stoppten musste.

Die Frage, woher sie eine solche Ausdrucksweise haben, muss ich nach meinem Wutausbruch ob der Unfähigkeit des Gesundheitsamts seit heute morgen mit „anscheinend von mir“ beantworten, nachdem ich wie Rumpelstilzchen durch’s Wohnzimmer gesprungen bin und Gift und Galle gespuckt habe, während der Gatte telefonierte. Das Kind, oder auch KP1 (Kontaktperson 1) genannt, ist wie gesagt zweifach negativ getestet worden, hat aber irrsinnigerweise auch noch einen Tag länger Quarantäne als alle anderen verhängt bekommen. Das liegt vermutlich daran, dass das Amt keine Ahnung hatte, wer nun das Indexkind, also der positiv getestete Auslöser, war und bei uns nachfragte, wann denn der letzte Kontakt stattgefunden hätte. Nachdem wir erklären mussten, dass wir aus Datenschutzgründen darüber natürlich nicht informiert wurden, hatte der Mitarbeiter einfach lustig und frei einen Tag eingetragen. Der uns jetzt zum Verhängnis wird, weil – ganz das Amt – man sich zwar nicht erklären kann, woher dieses Enddatum kommt, aber das ja nun nicht so einfach wieder rückgängig zu machen ist. Nachdem sie meine kleine KP1 zunächst gar nicht auf der Quarantäneliste hatten… sind ja auch selbst schuld, wenn wir da anrufen und quasi darum betteln. Ansonsten wäre bis heute nichts von offizieller Seite dazu gekommen. Beim nächsten Mal weiß ich es übrigens besser. Hier bitte einen Mittelfinger vorstellen.

Ach ja, habe ich erwähnt, dass Peter Altmaier, der ebenfalls Kontaktperson und in Quarantäne war, nach nur wenigen Tagen diese „nach Prüfung der Umstände“ (Aha. Soso.) und negativem Test als nicht mehr nötig beendet hat? Man kann allen Schulkindern nur raten, so früh wie möglich in die Politik einzusteigen, vielleicht hilft’s gegen Behördenstarrsinn.

Kleine nette Anekdote zum Schluss, um hier nicht mit Verbitterung zu enden: KP1 hat ja momentan viel Zeit und nachdem die physische Suche nach dem Geburtstagsgeschenk im Keller tatsächlich zur Hälfte erfolgreich war (sie haben das des Bruders entdeckt), ich aber partout nicht damit rausrücken wollte, ob sein Wunsch ebenfalls berücksichtigt wurde, sah er mich fest an und sagte: „Tja Mama, dann sehe ich mir jetzt einfach den Verlauf am Computer an, dann weiß ich es auch.“ Whaattttt?!

Vielleicht haben wir uns mit ihrem Geburtsdatum vertan und sie sind nicht erst 9, sondern 14 geworden.

Update: gerade eben kam der initiale Anruf vom Gesundheitsamt. Der, der eigentlich vorletzte Woche hätte erfolgen und uns über die Quarantäne aufklären sollen. Die sehr nette Dame entschuldigte sich für die späte Rückmeldung, was mich wiederum zu der Frage veranlasste, ob sie denn wüsste, dass wir bereits mehrfach mit dem Referat telefoniert hätten. Nein. Wusste sie nicht. Jedenfalls bekommen wir jetzt, an Tag 12 der Quarantäne, mitgeteilt, dass jene in zwei Tagen enden wird. Aber erst nach 23:59 Uhr. Das ist wichtig.

Tag 3 1/2 bis 4 1/2. Oder: 101 Stunden Verzweiflung.

Wir haben Konsequenzen ergriffen und das Kind, wie das RKI es mit Kontaktpersonen vorschlägt, räumlich vom Rest der Familie getrennt. Er wohnt nun im Garten.

Morgen werde ich wahrscheinlich die vergangene Zeit in Minuten und Sekunden benennen. Gestern hatten wir jedenfalls den vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Die Kinder haben sich minütlich zwischen abgrundtiefer Trauer und explosiven Wutanfällen abgewechselt, der Gatte schlurfte gereizt durch’s Haus und unser aller Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Highlight des Morgens: der Ausflug zum Arzt. Hurra, hurra. Ich bin seit der Draht-im-Hals-Geschichte ein noch größerer Schisser als ohnehin schon und hatte, obwohl es mein zweiter Test war, in der Nacht denkbar schlecht geschlafen und weiche Knie. Irgendjemand sagte mal, dass das Stäbchen in der Nase oder eben eher schon halb im Hirn an „Kindheitserinnerungen kratzen“ würde und ja, exakt so fühlt es sich an. Kind 1 hat es gut weggesteckt, wenn auch nicht begeistert, Kind 2 schlägt nach mir und ist traumatisiert. Da halfen nicht einmal die von ihm georderten Macarons etwas (ich habe als Kind übrigens nach der Impfung ein Gummibärchen bekommen, der junge Herr von heute bestellt Macarons).

Danach ging es nur noch bergab. Es sickerte wohl langsam bei ihnen durch, wie sich die nächsten zehn Tage gestalten werden – einschließlich ihres Geburtstags: nämlich irgendwie… gar nicht.

Wir haben heute aus lauter Mitgefühl eine Hüpfburg zum Geburtstag angefragt. Für sie alleine. Im Garten. Während wir wahrscheinlich allen Nachbarskindern „Du darfst hier nicht rein“ über‘n Zaun zurufen. Der Gatte wird sich vermutlich etwas zerren beim Aufbau und später die Bandscheibe quetschen, wenn er sich ebenfalls im Hüpfen versucht. Es wird vielleicht auch in Strömen regnen, die Verleihfirma schrieb eben schon, dass sie übermorgen nicht verleihen, weil es schütten soll (wir dürfen es aber dennoch spontan versuchen).

Generell läuft es heute ein wenig runder. Es gab nur zwei Wutanfälle und nur dreimal Tränen. Ich konnte bisher halbwegs vernünftig arbeiten und, ach ja, wir haben die Testergebnisse: viermal negativ.

Blöderweise ändert das nur nicht viel an der Misere. Auch nach etlichen Gesprächen mit Gesundheitsreferat und Schule, während ersteres versucht, der Schule die Verantwortung zuzuschieben, diese aber effektiv keinerlei Handhabe hat, muss Kind 1 daheim bleiben. Die vollen zwei Wochen. Interessanterweise sogar noch einen Tag länger, ich kann mir nicht erklären, woher der nun kommt. Entspricht jedenfalls nicht den Angaben, die ich online für die quarantänierte Schulklasse gefunden habe. Wahrscheinlich ist das die Strafe für unsere Intervention.

Ich habe in der Zwischenzeit E-Mails an den Bürgermeister, den Kultusminister und unseren Herrn Dr. Söder geschrieben, weil es mich so wütend macht, dass sie alle ständig „positive Bilanzen ziehen“ und sich für ihre Pläne gegenseitig auf die Schulter klopfen. Verspreche mir momentan nicht allzu viel davon, habe aber immerhin schon einen netten Anruf vom Referat für Bildung und Sport bekommen.

Gerade laufen die Kinder übrigens, sich unterhaltend und hochkonzentriert, wie gestörte Zirkustiere im Kreis um den Sonnenschirmständer. Seit etwa 20 Minuten. Ich bin prinzipiell dankbar für jeden Schritt, den sie tun – oder sollte ich mir Sorgen machen?

Tag 2 1/2.

Soooo. Heute ist die Grundstimmung schon besser. Vermutlich, weil Wochenende ist. Und möglicherweise, weil ich den Jungs noch vor dem Frühstück „zocken“ gestattet habe. Ich sinke jeden Tag tiefer, was die Erziehungsmethoden angeht. Aber was macht man denn 12 Stunden am Tag daheim, wenn man Kind ist und Aufräumen und Putzen kacke findet?

Das bringt mich jetzt auf eine Idee. Vielleicht sollte ich ihnen erstmal so richtig mit Haushaltsaufgaben die Laune versauen, dann finden sie stundenlanges Löcher-in-die-Luft-starren sicher gleich ganz prima.

Ich habe übrigens direkt die ersten Schulaufgaben, oder auch neumodisch auf Corona-deutsch „homeschooling“ genannt, sausen lassen. Die neue Lehrerin ist dankenswerterweise der Auffassung, dass sie den Kindern den Stoff beibringt und nicht wir Eltern damit geknechtet werden sollten (zum Wohl der Kinder, versteht sich). Wie bitte? Sagte jetzt jemand etwas von digitalem Unterricht? Und dem superduper 7-Punkte-Plan von Piazolo, für den sie sich alle gerade selbst so sehr auf die Schulter klopfen? Ja, genau der mit der morgendlichen Videokonferenz zum Unterrichtsstart für alle. Ach, geht nicht? Na ja, dann halt eine Begrüßungsmail. Geht auch nicht? Hmmmm. Aber wie soll denn dann bloß die Anwesenheit der Schüler festgestellt werden? Weißte, das überlassen wir doch jetzt besser den Lehrern, die machen das schon. Wenn man zuviel hinterfragt, kommen nur Missstände ans Licht. Und die würden ja am Schulterklopfen hindern. Also.

Was jetzt also erstmal prima ist: sie bekommen simple Arbeitsaufgaben auf kopierten und ausgedruckten, höchst analogen Blättern. Ich muss sie aber trotzdem irgendwie dazu motivieren. Funktioniert super, wenn man selbst an der schwierigen Zusammenstellung von wichtigen Sitzungsunterlagen sitzt und das Kind, Knäckebrot kauend, weil ewig hungrig, neben einem monologisiert. Im Flüsterton, weil ich dringend um Ruhe gebeten hatte.

„Chrrpchrrpchrrp. Also, ich weiß ja nicht, wie du das machst. Chrrrpchrrp. Mampf. Ich verstehe da gar nichts, was auf deinem Bildschirm steht. Was heißt das denn? Chrrp.Chrrp. Oh, schau mal, mach das mal groß. Whoa, ist das Englisch? Was machst du da? Kann ich auch mal? Maaamaaa, kann ich auch mal auf ‚senden‘ klicken?“ – „Schatz, bitte, ich muss mich wirklich konzentrieren.“ „Okay. Chrrp. Chrrrp.“ Etwa eine Minute Ruhe, nur das Knäckebrotknacken ist zu hören. „Mama?“… Etwas lauter geflüstert „Mama?!“ „Was denn???“ – „Kann ich dir helfen?“ – „Nein, ich muss mich, wie gesagt, sehr konzentrieren und du kannst das nicht.“ – „Du könntest es mir aber doch zeigen.“

„Nein…-“, das Telefon und sämtliche vernetzten Geräte klingeln, mein Chef. Das Kind fuchtelt wild vor meinem Gesicht herum, „Wer ist das? Weristdasweristdasweristdas? Kann ich mal seeeehen? Kann er mich seehen?“ Leider kann er aber sehen, wie ich das Kind verzweifelt aus meinem Gesichtsfeld wedele, bevor es endlich in Reichweite kommt und ich es wegschubsen kann. Das Kind lacht sich tot.

Ich denke wieder über einen Gin Tonic nach.

Kontaktperson.

Bäm, da war er, der gefürchtete Anruf. Ich sitze im Büro und auf meinem Handydisplay erscheint „SCHULE“. Das löst bei mir immer sofort einen Sturzbach aus Angstszenarien aus: Kind hat sich etwas gebrochen, hat eine Gehirnerschütterung, eine Platzwunde, gekotzt, Fieber – oder eben: Kontakt zu einer positiv auf COVID19 getesteten Person. Jackpot. In der Hausaufgabengruppe des einen Minis hat sich ein Kind infiziert. Ich möge doch meines bitte umgehend abholen und in vierzehntägige Quarantäne stecken.

Dank eines Zeitungsartikels von vor einigen Wochen von einer leidgeplagten Berliner Mutter weiß ich schon Bescheid: der Rest der Familie ist tatsächlich nicht betroffen, wir dürfen weiterhin raus und der Zwillingsbruder auch in die Schule – was wir aber nicht riskieren wollen und ihn in Absprache mit der (dankbaren) Lehrerin ebenfalls mit nach Hause nehmen.

Wegen eines familiären Notfalls muss der Gatte allerdings weg, will sich aber nicht verantwortungslos verhalten und versucht, noch einen Test auf die Schnelle zu bekommen. Für knapp 200 Euro soll das in einem Zentrum am Flughafen möglich sein, wird ihm telefonisch gesagt. Als er dort vor Ort sein Problem schildert, wird ihm der Test verweigert – er sei ja schließlich Kontaktperson zweiten Grades, das wäre zu risikobehaftet. Aha. Getestet wird man dort nur, wenn man also definitiv gesund ist? Als möglicherweise, wenn auch nur mit geringer Chance, Infizierter ist es demnach dann also besser, sich ungetestet in der Öffentlichkeit zu bewegen. Gibt ja auch vom Gesundheitsamt dahingehend keine Auflagen für symptomlose Kontaktpersonen II. Apropos: es ist Freitagabend, der Anruf der Schule kam gestern Mittag. Vom Amt – nichts.

Aktuell sind in über 40 Schulen Kinder in Quarantäne. Oder eben nicht, weil das Gesundheitsamt keine Kapazitäten für die nötigen Anrufe hat. Denn heißt das eigentlich, dass wir ohne offizielle Weisung nicht womöglich gar nicht daran gebunden sind? Natürlich halten wir uns strikt daran, aber es scheint ja genügend Leute zu geben, die das ohnehin nicht sonderlich tangiert.

Die Quarantäne ist übrigens auch nicht automatisch nach 14 Tagen vorüber, geschweige denn mit Vorweisen eines negativen Tests. Nein, die zwei Wochen müssen abgesessen werden und danach vom Amt auch wieder aufgehoben werden. (Edit: ich habe eben immerhin online auf der Seite der Süddeutschen eine Liste der betroffenen Schulen inklusive der angesetzten Dauer der einzelnen Quarantänen gefunden).

Tja, da saß ich also nun mit zwei heulenden Kindern in dem Scherbenhaufen des Bisschens Normalität, das ich mir gerade erst wieder mühsam zusammen gekratzt hatte und habe erstmal mitgeheult. Und mir dann mittags einen wirklich großen Gin Tonic gemacht. Meine Freundin sagte, das wäre völlig okay, hier in Bayern könnte ich den auch morgens schon trinken. Frühschoppen. Der Zeitpunkt jedenfalls war auch wegen der anderen familiären Sache desaströs. Und, ach ja – die Jungs haben nächste Woche Geburtstag. Hurra. Die Party ist sowieso von Woche zu Woche durch uns geschrumpft worden, der letzte Stand war schon ohne Freunde, aber immerhin mit Opa und im Legoland. Und jetzt? Nix.

Aber wenigstens habe ich schon eine Torte bestellt. Eigentlich, weil ich keine Lust auf diese Küchenschlacht hatte (ich meine, die Kinder haben ja inzwischen Ansprüche…, die denen von Backshows im TV ähneln. „Mach mal bitte drölfzig Ninjago-Cupcakes in Yves-Klein-Blau mit der neuen Uniform, nein, der neuen, und dem Helm mit diesem Symbol in Gold und den Schlangen und dem bösen Superschurken auf einer dreistöckigen Torte.“ So in etwa.) Letztes Jahr wollte ich mich nur auf die Optik konzentrieren und habe als Basis für den ganzen Fondant-Mist obendrauf eine Backmischung ‚Funfetti‘ genommen, was geil aussah, ich selbst aber auf keinen Fall gegessen hätte. Und was war? Wochen später erzählen mir die Jungs, dass sie mit einem ihrer Freunde Streit hatten und dieser in seiner Schimpftirade auch meinen Kuchen als „hat scheiße geschmeckt“ beleidigt hätte. Rotzlöffel. Muss ich noch sagen, dass ich ihn nicht mehr leiden kann?

Passiert mir dieses Jahr jedenfalls nicht mehr. Gekaufte Torte, keine Gäste. Zumindest für mich akzeptable Umstände. Allerdings stelle ich mir nun die nächsten beiden Wochen vor und bin kurz vor einer Ohnmacht. Was mich auch prompt dazu bewogen hat, – oh Gott, ich traue mich kaum, es niederzuschreiben – gestern noch unüberlegt, aber dafür für teures, teures Geld eine Spielekonsole zu bestellen. Ich weiß, ich weiß. Aber ernsthaft: zwei Wochen eingesperrte Kinder, die auch sonst schon knapp vor ADHS stehen?! Gnnaaahhh.

Ich halte euch auf dem Laufenden… falls ich nicht durchdrehen sollte.

Mittendrin.

Im Corona-Desaster. Wie geht es euch damit?
Ich habe seit dem letzten Post vor fast einem Jahr zigmal hier angesetzt und immer wieder abgebrochen. Erst gab es nichts zu berichten, dann plötzlich war es zuviel, dann war das Jahr zu Ende, die Urlaubsfotos zu viele und überhaupt einfach alles zu lange her. Und dann… ja, dann wurde alles anders.
Wir hatten keine Pläne geschmiedet wie so viele andere, nur vage Wünsche und Ideen, wir wollten auf jeden Fall wieder viel erleben. Jetzt sitzen wir daheim und warten. Auf irgendwas, das keiner in Worte fassen kann. Dass der Gatte wieder zur Arbeiten gehen kann – ihn trifft es natürlich besonders hart. Wir müssen uns zwar (noch?) keine Sorgen machen, auch nicht finanzieller Art, aber sein und damit auch unser Leben hat sich auf einmal komplett auf den Kopf gestellt. Er war seit fast zwanzig Jahren nicht mehr so beständig an einem Ort, die Kinder und ich kennen es nicht, ihn ständig um uns zu haben (was per se schön ist, aber mit seiner eingesperrten-Tiger-Mentalität manchmal auch zu Auszugswünschen – oder -forderungen allerseits führt).
Die Kinder stecken es prima weg, zu gut womöglich? Sie haben zwar gründlich die Nase voll vom Homeschooling, aber ansonsten scheinen sie nicht viel zu vermissen, die ollen Stubenhocker.
Inzwischen wurden die Vorgaben ziemlich gelockert, aber ich tue mir schwer, wieder ins „normale“ Leben zurückzufinden. Ich würde mich auch gerne daheim einigeln und nie wieder das Haus verlassen. Oder andersrum, das Haus verlassen durchaus, aber nicht mich in Gesellschaft begeben. Das war schon immer ein bisschen so, jetzt allerdings ist es ja salonfähig geworden und verführt mich geradezu. Wir machen uns große Sorgen um unsere Eltern, die in die Risikogruppe fallen, und wider aller Statistiken kennen wir doch ziemlich viele, die sich irgendwo angesteckt haben und haben auch Todesfälle im erweiterten Freundes-/Familienkreis mitbekommen. Das verunsichert mich wahnsinnig und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich trage eine ständige Wut in mir, auf die Situation, die ganzen unsagbar dummen, egoistischen, irrationalen Menschen, die alle aus ihren Löchern zu kriechen scheinen und nicht zuletzt auch auf mich, weil ich diese Wut zulasse und nicht richtig loswerde. Ich will, dass alles wieder wie vorher ist und gleichzeitig habe ich Angst davor, dass alles wieder wie vorher ist.
Das wäre doch blöde, wir könnten gerade so wahnsinnig viel dazulernen und besser machen, aber ich sehe schon, dass das nichts wird und nur wieder den Kreis meiner Wut schließt. Tja. So sitze ich da, weiß nicht, wohin mit mir und blättere gerade durch alte Fotobücher, lese alte Blogeinträge und träume mich in andere Zeiten.

(kurz zusammengefasst, von oben nach unten, chronologisch rückwärts: Kurztrip nach London, mein vierzigster Geburtstag in den Bergen, am Abend davor Sonnenuntergang mit Blick auf den Oly-Turm im Lieblingshotel und zum Frühstück einen Mordskater, Sommerurlaub mit Segeln in Griechenland und der Türkei, gefolgt von einer kleinen Rundreise über den Gardasee nach Murano und Velden, davor Business-Superkurztrip nach New York und Berlin, meine Liebe – letzteres sogar noch zweimal, wenn ich mich richtig erinnere. War auch die letzte Station vor dem Corona-Lockdown.)

Die Jungs sind so groß geworden, ich muss ständig aufpassen, dass ich sie nicht versehentlich teenagermäßig bis ins Mark beleidige – auf keinen Fall darf man in der Öffentlichkeit etwas Intimes wie „Mach‘ dich bettfertig!“ sagen. Ich habe im Hinterkopf das dumpfe Gefühl, dass ich just mit diesem Satz auch schon wieder eine Grenze überschritten habe.
Man darf eigentlich gar nicht über sie sprechen, außer es geht um coole Taten, wie beim Zocken ein neues Level zu erreichen. Zwischendrin hatten sie das Lesen für sich entdeckt (weil ich ein Tablet-Verbot vor 17 Uhr verhängt hatte, also aus purer Langeweile, weil Rausgehen ja doof ist), das ist leider auch wieder passé, hat aber immerhin dem einen ein „Boah, Mama, du hast recht, Lesen IST voll cool.“ entlockt. Ich hoffe, ich kann sie wieder dazu bringen.
Es hagelt gerade nur so Zurechtweisungen für uns Eltern, weil wir uns ständig danebenbenehmen. Witze gehen gar nicht, schulbezogene Fragen verursachen Augenrollen und „Lass‘ mich!“, an den Zimmertüren hängen – mit UHU permanent *argh* hingeklebte – Schilder mit „Betreten verboten“ und „Nimand (sic) darf rein!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“. Ich habe herbe Verluste bei hübschen Porzellanschüsseln erleiden müssen, weil sie alles in ihre Zimmer schleppen und dann versehentlich runterschmeißen (habe den Gatten übrigens auch im Verdacht – falls du das liest: ich werde dich noch zur Rechenschaft ziehen…).
Ich habe das eine Kind mehrfach durch Erschrecken (teilweise sogar mit Ansage) zum Weinen gebracht, was aber auch schon mit zwei Jahren passiert ist und wofür ich mich nicht schäme. Pfff. Dieses Zartbesaitete hat er nicht von mir.
„Chill mal, Mama!“ und erstmal grundsätzliches Neinsagen auf all meine Fragen ist auch häufig vertreten. Die Phase, in der der eine ständig schwindelte, scheint zumindest vorerst nach diversen Kontrollmaßnahmen vorüber zu sein – bisher habe ich ihnen in fast allen Bereichen rückhaltlos vertraut, das war wirklich gewöhnungsbedürftig (er hat, unter anderem, heimlich „Venom“ geschaut, aber immerhin bei den gruseligen Szenen vorgespult und wohl kein Trauma davongetragen).
Der andere ist so dermaßen kritikresistent, dass er mich damit regelmäßig in die Verzweiflung treibt. Dass ich ihm Ähnlichkeiten mit Trump unterstellt habe, hat es nicht gerade besser gemacht. Sein letztes Zeugnis war alles in allem gut, aber er hatte vom Lehrer in sozialen Bereichen Verbesserungsvorschläge bekommen (nicht reinquatschen, besser konzentrieren…); wir haben also das Zeugnis mit beiden durchgesprochen, der eine war völlig einsichtig, der andere hingegen wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Kritik. „Der Lehrer ist so blööööd, ich mache doch schon alles, der lügt, das stimmt gar nicht…“ Dicke Krokodilstränen. Und zum Schluss die Frage „Aber wie soll ich mich denn verbessern, wenn ich doch schon alles richtig mache?“. Das bringt seine Lebenssicht auf den Punkt: die anderen sind schuld, er macht grundsätzlich alles richtig und kann auch alles. Basta. Langsam geht mir auf, weshalb sein Bruder oft so explodiert, wenn sie streiten.

Ich habe kurzfristig meine Kreativität zurückbekommen, mein Makroobjektiv wieder herausgekramt, Teller probehalber bemalt und alles wieder abgewischt, Ton bestellt und beschlossen, dass ich für meine Ideen eine Töpferscheibe und einen Brennofen bräuchte (hier muss ich erwähnen, dass man das NICHT mit einem Pizzaofen machen kann, wie ich dachte, sich die Anschaffung des Selbigen aber in jedem Fall mehr lohnt als der eines echten Brennofens, weil die Pizza saumäßig gut wird – vielleicht liegt’s auch am von Perfektion besessenen Ehemann, der sich molto italiano (war das korrekt?) fühlt und bald das Singen anfangen wird… O sole mioooo), das Zeichnen wieder angefangen, die Küche gestrichen, Bilder aufgehängt, Möbel umgestellt und die Terrasse neu mit Holzplatten verlegt. Außerdem haben wir noch den Garten auf Vordermann gebracht (einen Zaun gebaut!!! Und halb gestrichen, habe zwischendrin anscheinend die Lust verloren – der Nachbar hatte recht, dass Zaunstreichen blöd ist).
Jetzt habe ich aber keinen Bock mehr. Auf gar nichts.


Wir können aber inzwischen auch tolle Radtouren durch die Stadt machen, ohne alle fünf Minuten Pause wegen „bitzelnden“ Händen oder „es juckt“ machen zu müssen. Wir haben sehr, sehr viele Eisdielen ausprobiert und diverse To-Go-Mahlzeiten auf Gehwegen am Boden sitzend genossen. Während sich ganz München an der Isar versammelt hat, hatten wir die leeren Straßen für uns.

Das Ganze war sehr surreal, aber ich vermisse es gerade tatsächlich.
Und, um das mal hier schriftlich festzuhalten, weil ich es sonst wieder vergesse: wir hatten einen unfassbar guten Frühling. Normalerweise zieht es sich für mich ab Mitte Januar wie Kaugummi und zu Ostern kriegt man mit Schneefall dann nochmal richtig eins drauf. Dieses Jahr aber war das Wetter wirklich fantastisch und sogar die Eisheiligen mit Regen bei 11 Grad erträglich und kurz.
Ein Faszinosum ist, dass die Tage so dahinrasen. Trotz Homeoffice, Homeschooling und immergleicher Eintönigkeit. Oder kommt das gerade daher? Ich hätte erwartet, dass die Zeit nicht vergeht und, zack, stehen wir vor den Pfingstferien. Geht es euch auch so?

Die Infiziertenzahlen gehen gerade ziemlich zurück, das Leben wird wieder aufgenommen und die Welt scheint nicht mehr den Atem anzuhalten. Ich bin gespannt, was die nächsten Monate bringen – und wie sich das hier dann liest. In einem meiner Blogpostentwürfe von Februar fühlte es sich noch nach Grippewelle an, mich beeindruckte mehr, dass die Jungs einen Tag schulfrei wegen eines Sturms hatten. Dass da unmittelbar Monate an Schulschließung folgen sollten, hätte ich in meinen kühnsten (dystopischen) Träumen nicht erwartet.

Traut ihr euch noch, Pläne zu machen oder seid ihr auch eher von der abwartenden, abwägenden Sorte?

Oh Mist. Ich stelle gerade fest, dass ich versehentlich das Theme hier geändert habe. Dann werde ich jetzt wohl mal daran weiterwurschteln. Macht es gut, passt auf euch auf!